BAM! Bock auf Morgen Festival Takeaways


„Wer wollen wir (gewesen) sein?“ fragt Maja Göpel und setzt damit den großen Rahmen für das Festival.

„Welche Zukunftsräume wollen wir gestalten?“ – wurde sicher schon sehr oft gefragt und sagt sich leicht daher – aber hier trifft diese Frage mit vollem Gewicht. Denn wer sich im Klaren darüber ist, wie unsere globale Wirtschaft funktioniert, wie grundlegend abhängig wir von fossilen Ressourcen sind, weiß, dass wir das „Wirtschaften im 21. Jahrhundert vollständig umschreiben“ müssen. Leichtfüßig und unterhaltsam wie immer führt sie uns die systemischen Zusammenhänge vor Augen und wie das Erhalten des Status Quo dem Erreichen des Neuen im Weg steht. Es könnte nicht zwingender in Bezug zur direkt parallel stattfindenden COP28 sein: Phase-out of the fossil age. Wir stehen an der Stelle, wo sich das Alte im Zerfall befindet und das Neue noch nicht greifbar ist. Wir müssen durch das „Delta of Doom“. – Sie nennt es „Waschmaschinenzeit“, und zitiert :

The crisis consists precisely in the fact that the old is dying and the new cannot be born; in this interregnum a great variety of morbid symtoms appear.

Antonio Gramsci (1971)

Takeaway Nr. 1: Es wurde für mich nochmals so in your face deutlich, dass wir uns in der Klima-Transition befinden. Ich behaupte, viele haben noch nicht begriffen, für was dieser Begriff eigentlich steht und welche maßgebliche Bedeutung er aktuell hat.

Maja Göpel

Es braucht die richtigen Narrative, ich nenne sie transitorische Narrative, und die können uns nur helfen, wenn sie von positiven Chancen durch den Wandel geprägt sind, dass zwar noch nicht alles erreicht ist, das Ziel aber „unfassbar lohnenswert ist“ – Wirtschaften, das „vom Degenerativen zum Regenerativen“ dreht. Interessant, dass es eben auch positive Kipppunkte gibt, die dafür sorgen, dass Dinge ins Rollen kommen.

Quelle: Gregor Hagedorn

Gregor Hagedorn nimmt uns mit auf einen imaginären Flug im Raumschiff Erde und hält uns seine Einschätzung über den Zustand des Kontrollzentrums vor Augen. Ausstattung und Attitude des Personals müssen offenkundig anders. (Seine kurzweilige und aufschlussreiche Betrachtung auch in einer Fassung von 2021)

Takeaway Nr. 2: Wir brauchen richtig geeichte Instrumente mit denen wir messen und steuern. Wir brauchen KPIs, die kommunikativ wirksam sind. – Hmm, beim Thema Erderwärmung, wie wäre es mit °C?

Im Panel „Die Kunst des Weglassens“ begeistern mich die intelligenten www.green-nudges.de von Matthias Höppner. Die kleinen Anstöße „interventions, big or small, that aim to influence behaviour to make people act more sustainable“, liefern auf-den-Punkt-Anstöße an auf Kopf und Bauch, genau an der Stelle, an der Menschen mehr oder weniger uninformiert eine Entscheidung über ihr Handeln treffen, welches mit wenig Einsatz einen großen Unterschied macht. Sie helfen damit den so notwendigen cultural mindshift anzustoßen, den wir brauchen, nachahmen erwünscht.

Takeaway Nr. 3: „Das Design des Entscheidungsraumes verändern.“ Wow, das resoniert bei mir. Genau das machen wir bei unserem vielfach prämierten Projekt mit FOOD2050: indem wir Konsument*innen eine positive und selbst-ermächtigende Erfahrung im Moment ihrer Konsumentscheidung geben, die sie ohne Bevormundung motiviert treffen können.

„Changing the Default“ – eine klare Einsicht lieferte der Green Nudge einer Food Delivery App mit einer Menge Nutzer*innen, welchen Einfluss es haben kann, wenn nur eine einzige Wahloption auf eine nachhaltigere Vorauswahl gestellt ist. In diesem Fall ging es darum, statt wie bisher, keine Esstäbchen standardmäßig mitzuliefern: Millionen eingesparte Einwegutensilien. Pro Tag.

Takeaway Nr. 4: Wenn wir wollen, dass das Nachhaltige zum Standard werden soll, müssen wir es zum Standard machen. Den Punkt kenne ich auch von einigen meiner Kunden, die darüber nachdenken, standardmäßig die nachhaltige Lösung anzubieten, die man im Zweifel aktiv abwählen muss. Sidenote: Ich würde es begrüßen, wenn mein Stromanbieter nicht am Monatsende die „Rechnung für Ihre Tarifoption Ökostom“, sondern die „Rechnung für Ihre Tarifoption Kohlestrom“ an die jeweils andere Nutzergruppe verschicken würde. Ich fand in dem Zusammenhang auch den Case von Vattenfall interessant:

Quelle:Youtube

Das ganze Statement der Vattenfall CEO Anna Borg kann man in diesem schon 2 Jahre alten Video sehen.  Was ich darin am meisten mag:

Transforming into a sustainable business is not only possible. It is the way to gain a competitive edge in the future.

Anna Borg

Ist Nachhaltigkeit Compliance oder Differenzierungsmerkmal, fragen sich auch Kunden bei coool. Bitte beides, bitte zentral im Geschäftsmodell!

Sidenote für die, bei denen vollmundige Statements von CEOs Unbehagen auslöst: Unternehmen liegen, was Glaubwürdigkeit in Sachen Klimaaussagen angeht, laut Studien (z.B. dem Edelman Trust Barometer Special Trust and Climate Change, ganz hinten, und CEOs bilden das Schlusslicht. Let’s get to work.

Beim Ausflug in die Marketing-Psychologie mit Lea Dohm und Prof. Dr. Johanna Gollnhofer zeigt uns letztere, dass das alte „Ist das gesund, dann essen wir das nicht“ in Punkto Nachhaltigkeit im Konsum immer noch gilt. „Die Kunst der richtigen Ansprache“ gilt es vor allem dort anzuwenden, wo wir den größten Hebel haben: im großen, mittleren Segment der Mainstream-Konsument*innen. Sinngemäß, vergesst das N-Wort und die V-Wörter (Verzicht, Verbot, Verlust). Wir brauchen nachhaltige Produkte und Dienstleistungen, die Spaß machen, Life-Style vermitteln, coool sind und einen verantwortungsvollen, nicht maßlosen Konsum ermöglichen. Takeaway Nr. 5. 

Prof. Dr. Johanna Gollnhofer

In der B2B-Welt, einem Schwerpunkt meiner Tätigkeit, würde ich das deutlich differenzierter sehen. Aber auch hier kann man andere Akzente setzen, mit denen man sich im Nachhaltigkeits-Einheitsbrei differenzieren kann, wie zum Beispiel unser Sustainability Branding für Holtmann+: SUSTAIN+ABILITIES = Zukunftsfähigkeiten. 

Megatrend Transparenz: In diesem Panel holt uns unter anderem Dr. Philip Lüghausen zur Green Claims Directive ab. Die wird mit einer ganzen Menge schädlicher Praxis aufräumen, beispielsweise werden viele Labels verschwinden, die keine wissenschaftliche Grundlage, Transparenz und Nachvollziehbarkeit aufbieten und nicht zertifiziert sind. Inklusive „klimaneutral“. Dazu folgt ein kurzweiliger Einblick in das Thema Textil-Nachhaltigkeits-Labels von Manfred Meindl. Es wird noch 2–4 Jahre dauern, der Einschätzung von Philip Lüghausen nach, bis die Direktive in nationales Recht umgesetzt wird. Wohl denen, die jetzt bereits ihre Kommunikationslinien entsprechend aufstellen. Ich sage immer, bei coool sind unsere Kunden am kommunikativen Sweet Spot zwischen CSR und GCD. Es ist eine einfache Kette: Marke – Transparenz – Glaubwürdigkeit – Vertrauen. Letztere ist eine verdammt harte Währung. Takeaway Nr. 6.

Aller guten Takeaways sind 7. Das BAM! Bock auf Morgen Festival und der #marketingforfuture Award haben hier eine Qualität und einen Spirit vorgelegt, die im Vergleich zu den etablierten Festivals und Awards, bei denen ich selbst oft juriere, sehr bemerkenswert ist. Danke dafür. „Kat’se Bullshit“ heißt, im echten, kommerziellen Leben und nicht nur im Gutmenschentum (so sehr wir auch dieses brauchen) oder in der grünen Bubble die Hebel umzulegen. Lets make some white magic.

Festival-Macher Jan Pechmann